Die Gene sind nicht alles…
Genau, das Problem der Kontrolle oder Regulation gibt es in jedem Körper: Er muss ständig wissen, wann er welche Zellen in verschiedenen Organen so regeneriert, dass er nicht zu viele Zellen neu bildet, aber auch nicht zu wenige. Eine Fehlfunktion kann hier zur Tumorbildung führen. Es ist aber eben auch schon in den allerfrühsten Stadien der Embryonalentwicklung extrem wichtig, dass die Zellen wissen, was der Plan ist – so dass aus einem einzigen befruchteten Ei Zelllinien mit unterschiedlichen Zelltypen gebildet werden. Wir haben zum Beispiel die Frage untersucht, wie die frühen Zellen entscheiden, ob sie zum Embryo werden oder das unterstützende Gewebe, also die Plazenta bilden. Die ersten Zellinien teilen sich schon sehr früh auf, bevor überhaupt die Einnistung in der Gebärmutter stattfindet. Wir haben herausgefunden, dass hierbei bestimmte Enzyme die Genregulation beeinflussen: Wenn man diese Enzyme manipuliert, dann manipuliert man damit auch die Zelltypen-Entscheidung. Letztlich beschäftige ich mich immer mit der Frage, wie Zellen auf molekularer Ebene zu jeder Zeit Informationen aufnehmen, speichern, weitergeben und interpretieren. Man kann sich das wie ein gewisses zelluläres Gedächtnis vorstellen, in dem Zustände und frühere Entscheidungen einer Zelle molekular repräsentiert sind – im Kontext dieser bisherigen Informationen interpretiert die Zelle dann neue Signale, die sie bekommt.
Was ist das Neue an den Methoden, die Sie für Ihre Forschung entwickelt haben?
Wir benutzen keine tatsächlichen Embryonen, sondern zellbasierte Modellsysteme, so genannte In-vitro-Zellkulturen von pluripotenten Stammzellen, die die frühen, undifferenzierten Zellen repräsentieren. Synthetische Biologie kommt ins Spiel, wenn wir Vorgänge in den Zellen mit einer sehr hohen Präzision steuern oder analysieren möchten, zum Beispiel durch das schnelle Ein- und Ausschalten von Genen mit Licht oder chemischen Molekülen, die man in die Zellkultur gibt. Hier bietet die Synthetische Biologie neue Ansätze, die besonders schnell und präzise sind. Wir denken viel darüber nach, wie wir epigenetische Prozesse in einer Zelle in einer dynamischen Weise erfassen können, statt nur einen statischen Schnappschuss zu machen – das ermöglicht es uns, aus den neuen Methoden heraus auch neue biologische Fragen zu stellen: Was passiert genau von dem Moment an, in dem ein Signal die Zelle erreicht, bis sie entscheidet, neue Gene zu aktivieren – oder auch nicht? Wie werden epigenetische Informationen über Zellteilungen hinweg weitergegeben? Neben den präzisen Manipulationen der Zellen nutzen wir diverse Omics-Technologien aus der Systembiologie, mit denen wir dann ganzheitlich schauen, was in der Zelle nach einer Manipulation passiert – auf dem Level der Proteine, des Genoms, der Genexpression… Hier in Freiburg haben wir dafür eine sehr gute Infrastruktur; dazu gehört auch ein neues Massenspektrometer, das wir durch die Förderung der Alexander von Humboldt-Professur anschaffen konnten. Damit ist es möglich, die Proteineben sehr genau zu analysieren.